19.05.2016

Ausgebrannt

Nach einem Feuer in ihrer Wohnung steht eine Frau mittellos auf der Straße. Sie hat jetzt gar nichts mehr. Kein Telefon, keinen Fernseher. Keine Zahnbürste, nicht einmal mehr Unterwäsche. Eine Wohnung sowieso nicht. Die hat gebrannt, wofür man ihr die Schuld gibt. „Ich hab’ nur das, was ich anhab’.“ Angelika Stern (Name geändert), 65 Jahre alt, Rentnerin, steht vor dem Nichts.

Eine Woche ist es her, das Unglück, das sie wenigstens nicht ihr Leben, aber alles andere gekostet hat. Angelika Stern saß in ihrem Wohnzimmer und sah fern, als sie die Rauchschwaden bemerkte, die aus der Küche kamen. Sofort alarmierte sie die anderen Bewohner des Hauses in der Schwörhausgasse: ihren Nachbarn und ihre 91 Jahre alte Vermieterin.

Wie ein Augenzeuge berichtete, stand die Küche in dem Haus im Vollbrand. Laut Polizei war offenbar ein überhitzter Wasserkocher in dem Gebäude in Brand geraten.

So vermeldete unsere Zeitung tags darauf den Brand. Verletzt wurde niemand. Noch am Abend zuvor hatte die Polizei bei Harald Kortig (Name geändert) angerufen: Der Bekannte solle Angelika Stern abholen. Seitdem schläft sie bei Kortigs Familie, er kümmert sich um ihre Angelegenheiten. „Der Wasserkocher war kein Glomp“, sagt er im Gespräch. „Den hat die Angelika im Fachhandel gekauft.“ Die 65-Jährige hatte das Wasser für ihre Bettflasche erhitzen wollen. Den Brand ausgelöst hat wohl ein technischer Defekt: Das Gerät hat sich nicht automatisch abgeschaltet, als das Wasser kochte. Bald stand die Küche in Flammen. Das Haus muss jetzt vollständig saniert werden.

16 Jahre lang hat Angelika Stern für kleines Geld in ihrer Zweieinhalb-Zimmer-Wohnung in dem alten Haus im Fischerviertel gewohnt – ohne Mietvertrag. Zur Vermieterin hatte sie ein hervorragendes Verhältnis, sagt sie. Stern, eine freundliche, gepflegte Frau, ist ausgebildete Altenpflegerin. „Das war mein Traumberuf, Menschen zu helfen.“ Das war auch der Deal mit ihrer Vermieterin: Der 91-Jährigen ist sie im Haushalt zur Hand gegangen, hat Einkäufe gemacht. Lange hatte Stern eine kleine Fußpflegepraxis im Fischerviertel, mit der sie ihr Einkommen aufbesserte. Letztlich musste sie schließen. Viele ihrer Kunden waren zu alt geworden, um noch zu ihr kommen zu können. Zum Leben hat sie nur noch ihre kleine Rente von knapp 600 Euro.

Eine Haftpflichtversicherung hat Angelika Stern nicht, auch keine für ihren Hausrat. Wie sie einen neuen Hausstand bezahlen soll, weiß sie nicht. Weil sie nicht versichert ist, muss sie die Räumungskosten für ihre Wohnung selbst tragen. Das muss eine Spezialfirma machen, Kostenvoranschlag: 3000 Euro.

„Angelika stand nie auf der obersten Stufe der Gesellschaft“, sagt Harald Kortig. „Aber sie hat immer versucht, eine gute Bürgerin zu sein und keine Sozialhilfe in Anspruch zu nehmen.“ Durch deren Raster fällt sie jetzt. Finanzspritzen für Notsituationen sind im Sozialrecht nicht vorgesehen, ein Bett in der Obdachlosenunterkunft findet Kortig „nicht zumutbar“. Sterns größte Angst ist jetzt, dass sie raus muss in die Peripherie, sie, die die vergangenen 40 Jahre in der Innenstadt gelebt hat. In ihrem alten Haus soll sie nach der Sanierung keine Wohnung mehr bekommen, erzählt Kortig. Dies habe die Verwandtschaft der Vermieterin, die den Schaden verwaltet, ihm gegenüber gesagt.

Der Gang durch die städtischen Institutionen: eine Qual. „Niemand hilft Dir, niemand ist zuständig.“ Stern fühlte sich allein gelassen, bis sie gestern schließlich bei der richtigen Mitarbeiterin des Sozialamts landete. Heute hat sie einen Termin bei der UWS, um sich auf die Warteliste für eine Sozialwohnung setzen zu lassen. Als Obdachlosenbehörde sei die Stadt zwar verpflichtet, Menschen, die plötzlich auf der Straße stehen, eine Unterkunft zur Verfügung zu stellen, sagt Marlene Müller von der Öffentlichkeitsarbeit der Stadt Ulm. Dann werde ein Zimmer in einer Pension organisiert, für das die Stadt in Vorleistung gehe. Das Darlehen muss aber zurückgezahlt werden. In der Not war Harald Kortig schon zuvor mit seiner Bekannten bei der Aktion 100 000 und Ulmer helft vorstellig geworden, die dann einschreitet, wenn das soziale Netz nicht greift.

Angelika Stern hat immer ein bescheidenes Leben geführt. „Aber jetzt fällt sie in ein großes, schwarzes Loch“, befürchtet Kortig. Er ist mit seiner Bekannten einkaufen gegangen, hat Unterwäsche, Mantel und Schal gegen das kalte Wetter bezahlt und ein bisschen Schminke. „Damit man sich wieder wie ein Mensch fühlt“, sagt Angelika Stern.


Wer Angelika Stern unterstützen möchte, kann dies über die Aktion 100 000 und Ulmer helft tun. Die Spenden werden direkt an das Brandopfer weitergeleitet. Einfach auf der Überweisung unter Verwendungszweck das Stichwort „Wohnungsbrand“ notieren. Das Spendenkonto bei der Ulmer Volksbank hat die Nummer: IBAN DE79 6309 0100 0002 3640 18, BIC ULMVDE66. Das Konto bei der Sparkasse Ulm: IBAN DE47 6305 0000 0000 1000 03,
BIC SOLADES1ULM

Wohnung gesucht
Da Angelika Stern dringend eine kleine Wohnung zur Miete sucht, ist sie für Angebote dankbar. Sie können unter (07351) 73047 abgegeben werden. Besonders freuen würde sich die Frau, wenn sie in der Ulmer Innenstadt bleiben könnte.