09.01.2025

Im Kindersitz mit „Lalü“ auf Streife

Neun Jungen auf Entdeckungstour in der Polizeiinspektion Neu-Ulm. Vor allem die Fahrt im Streifenwagen kommt bei den Schnupper-Polizisten gut an: "Ganz schön cool!"

Die große Benefiz-Auktion der Aktion 100 000 und Ulmer helft hat manchmal mehr oder weniger gravierende Folgen: Man lässt sich etwa zu einer alten Kaffeemühle hinreißen und fährt vielleicht mit einem spontan ersteigerten neuen Auto davon. Oder man landet mit voller Absicht zu neunt bei der Polizei.

So geschehen an einem kalten Januarmorgen. Neun Jungen im Alter von 6 bis 11 Jahren treffen auf der Wache der Neu-Ulmer Polizei in der Reuttier Straße ein. Sie nehmen an der Kinderführung „Auf Polizeistreife in Neu-Ulm“ teil, deren Plätze meist von Eltern und Großeltern als Weihnachtsgeschenk im Kornhaus ersteigert worden waren. Emil (6) hat sich bestens vorbereitet: Er trägt eine schwarze Cap mit den weißen Großbuchstaben POLIZEI. Werner Lipp, Sachbearbeiter Verkehr bei der Polizeiinspektion Neu-Ulm nimmt die Kinder, die zum Beispiel aus Ulm, Langenau und Weißenhorn angefahren kamen, in Empfang. Die Schulterklappen seines Pullovers zieren vier silberne Sterne. Er hat den Dienstgrad Polizeihauptkommissar.

Der Chef trägt vier goldene Sterne

Im Vortragsraum wartet einer mit vier goldenen Sternen auf die Kinder: Michael Keck, Leitender Polizeidirektor und Chef der Polizeiinspektion Neu-Ulm mit rund 100 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern. Im vergangenen Jahr seien 13 000 Einsätze nötig gewesen, erzählt er unter anderem und fragt: „Will jemand von Euch Polizist werden?“ Henry streckt blitzschnell den Arm. Ehrfurchtsvolle Stille ist die Reaktion auf die Ankündigung, dass es hinterher mit Blaulicht auf Streife gehen wird.

„Im Fernsehen sieht man immer die Kriminalpolizei. Aber der Streifendienst ist eigentlich der schwierigste Job bei der Polizei“, erklärt Lipp. Denn die Kolleginnen und Kollegen, die als erste vor Ort seien, müssten schnell entscheiden, was getan werden müsse. Mit Kinder-Dienstausweisen und kleinen Polizei-Kellen als Schlüsselanhänger ausgestattet, starten die Jungen erst einmal ihre Tour durch die Dienststelle. „Wird Euch nicht heiß, wenn ihr immer Pollover anhabt“, will ein Junge wissen, „Wo habt Ihr Eure Pistolen her?“, ein anderer. In der Wache dürfen die Kinder einen Blick in einen der schwarzen Einsatzkoffer werfen, mit denen jeder Streifenwagen ausgerüstet ist. Er beinhaltet unter anderem einen Fotoapparat, eine Taschenlampe und einen Alkoholtest. „Was ist, wenn Ihr ausgetrickst werdet und einer ruft an, obwohl gar nichts passiert ist?“, ruft ein Kind in die Runde. „Dann gibt’s eine Strafe“, sagt Lipp mit strengem Unterton.

Nicht jeder wagt sich in die Zelle

Bei der Besichtigung der Zellen hält sich ein Bub zurück. Hinter Gittern, das ist ihm dann doch zuviel. „Hier gibt es nur wenig zu essen. Etwa ein Käsebrot und einen Apfel“, sagt Lipp. „Kein Haferbrei?“, fragt ein Junge. Kein Haferbrei. Aber Wasser wird noch gereicht.

Gemeinsam mit Luca Held (ein blauer Stern = Oberwachtmeister) geht’s raus zu den kleinen Polizei-Bussen. Vor der Abfahrt erklärt Werner Lipp erst einmal deren Ausstattung. Er öffnet die Heckklappe, holt orange-weiß gestreifte Leitkegel zur Absicherung einer Unfallstelle und einen Spaten heraus. „Wieso stellt ihr ins Auto einen Schrank rein?“, will ein Bub wissen. „Damit die Sachen ordentlich verstaut sind“, sagt der Hauptkommissar. Er zieht als Beispiel aus dem großen grauen Kasten, der fast bis zum Dach-Himmel des Autos reicht, eine Farbspraydose hervor. Sie dient zur Markierung auf der Straße.

Luca Held ist Beamter in Ausbildung. „Die einfachere Schutzweste ist mit Kevlar ausgerüstet“, gibt er sein Wissen weiter. Die starke Kunstfaser schütze vor Schüssen aus einfacheren Waffen. Dann heißt es Probetragen: Lipp zieht Jannik (11) eine schwerere Schutzweste über, die Lunge und Herz auch vor größeren Kugeln schützen soll. Mit Helm wiegt eine solche Spezialausrüstung rund 15 Kilo. Jannik bringt das Gewicht aber nicht ins Schwitzen. „Ich bin’s ein bisschen gewöhnt, weil ich bei der Jugendfeuerwehr bin“, sagt der Elfjährige.

Bei der Verkehrskontrolle dabei

Mit Blaulicht und „Lalü“ fahren die Kinder auf zwei Polizei-Busse verteilt vom Hof. „Ganz schön cool“, tönt es von den auf ihren Kindersitzen vorschriftsmäßig festgezurrten Besuchs-Polizisten nach vorn zu Chauffeur Lipp. Der Polizeifunk krächzt aus dem Lautsprecher. „Die haben bestimmt einen Dieb gefangen“, sagt ein Bub laut vor sich hin. In einer Straße bei der Ratiopharm-Arena packen Lipp und Held die Leitkegel aus und machen sich bereit zur Fahrzeugkontrolle. Eine dunkle Limousine mit einer Frau am Steuer wird hergewunken und fährt rechts ran. Luca Held will nicht nur die Fahrzeugpapiere sehen, sondern auch Warnweste und Verbandskasten. Das große Programm mit Alkoholkontrolle lässt er ausfallen. Die Fahrerin ist eine Kollegin, die auf „Bestellung“ unterwegs war.


ein Artikel von Birgit Eberle